Ich habe einen 25 Jahre alten Text ausgegraben. Da wundert man sich, was man so gedacht hat, ehedem. Damals wollte ich einen Gedankenaufzeichner. So wie man ein 24-Stunden EKG machen lassen kann, hätte ich gerne mal alle Gedanken eines Tages aufgezeichnet. Meist denkt man ja den gleichen Mist in Schleife. Und häufig kommt nicht unbedingt Erfreuliches ans Licht. Der Text:
Im Hallenbad.
Ich gehe an der Dicken in den Duschen vorbei und denke beim Vorbeihuschen: „Hätte ich die jetzt grüßen sollen? Personal, grüßt man das?“ Gleichzeitig spüre ich einen Widerwillen dagegen. Ich gehe stur vorbei. Ins Wasser. Lage-Check. Wer schwimmt wo. Wo ist die Lücke? Ich tauche ein. Die erste Bahn. Ich sage mir bei jeder Bahn vor: eins, zwei, drei etc. – die ganze Zeit. Dieser Film spult sich also bis zu jeder Wende ab. Bis 20. Nebenher reagiere ich aber natürlich noch auf das, was um mich herum passiert. Ein älterer Schwimmer fuchtelt merkwürdig mit den Armen und taucht tief unter, um wieder fuchtelnd an die Oberfläche zu kommen. Er hält keine Bahn und schwimmt immer verdächtig nah bei mir. Ich fühle mich bedrängt und denke: „Warum muss ausgerechnet der hier schwimmen. Und wie komisch der schwimmt. Völlig unökonomisch. Er macht tausendmal mehr Bewegungen als ich und ist auch nicht schneller. Dabei ist er doch ein Mann!“ Und die Männer sind zahlreich heute im Bad. Der nächste steuert auf mich zu. Eine aufgeblasene Kugel mit Glatze treibt da im Wasser. Die Badehose kann man nicht sehen, weil der Bauch alles verdeckt. Älterer Herr. Pensionist. Ebenfalls. Er trudelt aber gemütlich irgendwo herum und tangiert mich nur am Rande. Trotzdem kann ich nicht an mich halten, ein paar Gehässigkeiten zu denken: „Muss das Hängebauchschwein auch noch hier rumschwimmen.“ Nur ein Pärchen kommt bei meinen inneren Beurteilungen gut weg. Sie sprechen zwar miteinander, aber sie halten entsprechend Abstand. So, dass ich bequem zwischendurchschwimmen kann ohne mich zu verkrampfen. Sie schwimmt mit dem Kopf über Wasser – so schnell wie ich mit meinem Abtauchen. Das stimmt mich bedenklich. Ich sage zu mir: „Hey, was ist mit dir los, warum schwimmst du so langsam? Bist du jetzt völlig unsportlich oder was? Die ist doch auch nicht viel jünger als du…“ Beim Anschlagen registriere ich einen Typen auf dem Liegestuhl. Er unterhält sich mit seiner Nachbarin auf der Nachbarliege. „Sieht gut aus“, denke ich, während ich aber merke, dass ich einfach nicht gut sehe und eigentlich die Details nicht richtig erkenne. Wahrscheinlich sind es die langen dunklen Haare, die mich beeindrucken. Da ich aber schnell wende, wird dieser Gedanke nicht weiter vertieft. Kinder springen vom 3-m-Brett. Die Wellen witzigerweise stören mich gar nicht. Ich sehe die Unterwasserbewegungen der Springer und rechne mir aus, wie lange es dauert, bis noch mehr Schüler ins Hallenbad strömen. Aber es hält sich in Grenzen. Alles in allem richte ich meine Wirbelsäule mit einer kleinen Runde Rückenschwimmen wieder gerade und gehe zu den Duschkabinen. Eine oder die Dicke von vorhin schüttelt den Kopf über den Dreck, der dort liegt. Richtig, denke ich, darüber habe ich mich auch gewundert und bin angewidert darüber hinweg gestiegen. Ich dachte, jetzt macht sie´s weg. Weit gefehlt. Vermutlich war der Viertel-, Halb- oder Stundentakt noch nicht erreicht, in dem gewischt wird. Wann halte ich meine Füße unter das Fußpilz-Desinfektionsmittel? Gleich? Vor dem Gehen? Ein junges Mädchen richtet sich die Haare vor dem Spiegel. „Jetzt, vor dem Schwimmen? Tja, die jungen Mädels“ (o gott, ich hätte nie gedacht, dass mir so ein Satz in den Kopf kommen könnte…). Erschreckend. Ich suche das Weite.


„Will man Schweres bewältigen, muss man es leicht angehen.“
Bertolt Brecht