Gechippt

Vor drei Tagen haben sie mir einen Mikrochip eingepflanzt. Bill Gates, glaube ich. Sie wollen mich kontrollieren. Wollen die Weltherrschaft an sich reißen und Impfstoffe verkaufen. Ich weiß nicht genau, wer da aller mitmischt. Clinton auch. Habe ich gehört.

Ich kann nicht verstehen, warum so viele Menschen das Offensichtliche nicht erkennen: dass wir manipuliert werden, dass man uns verarscht, dass die mainstream-Medien lauter fake-news erzählen. Wer sich an die richtigen Quellen in den social media wendet, merkt ganz schnell, woher der Wind weht. Der Professor Bhakdi hat´s doch gesagt! (Oder hieß der Bhattacharya – kompliziert.) Aber sie wollen es nicht anders. Lassen sich impfen wie die Lemminge, weil das der Staat so will. Was wirklich dahinter steckt, wird erfolgreich verschleiert.

Ich muss gestehen: Ich habe den Impfterrorismus mitgemacht. Mit AstraZeneca. Weil ich meine Freiheit zurück will. Ich will verreisen. Ich will im Restaurant sitzen. Auch mal ins Konzert gehen. Ich will mich nicht dauernd testen lassen. Wer weiß, was sie einem da durch die Nase einführen! Und schon gar nicht ewig diese vergiftende Maske aufhaben. Ich will aber auch kein Einsiedler werden. Dieser Druck, dieser Zwang – das ist doch keine Demokratie! Das ist reiner Terrorismus. Wir wollen unsere Entscheidungsfreiheit wieder haben. Da war´s ja in der DDR besser.

(nicht von mir, von C.laudia)

Im Grunde glaube ich, dass man sich gar nicht impfen lassen braucht – zumindest nicht gegen das Corona-Virus. Das ist ja nur wie eine Grippe. Alles Täuschung. Der wahre Verursacher von Covid sind doch die Strahlen. Das 5G-Netz. Ein Freund hat schon das neueste 5G-Handy. Ich kann das nicht verstehen. Seitdem meide ich seine Gesellschaft. Ich will da nicht in die Nähe kommen. Schwächt das Immunsystem. Wer weiß, ob das nicht auch ansteckt. Und alles nur, weil sie uns fernsteuern wollen. Kein Wunder, wenn´s uns dann schlecht geht.

Eine Freundin hat mir erzählt, eine Bekannte von ihr wurde am Freitag geimpft und war am Montag tot. Ich merke, wie ich komplett antriebslos bin und einfach nur schlapp. Mir ist schwindlig und die Kopfschmerzen wollen einfach nicht weggehen. Ich werde doch nicht auch so eine Thrombose haben? So eine, die ins Hirn geht? Gerade bei Frauen ist das ja so. Soll ich zum Arzt gehen? Aber das ist ja auch nicht so einfach dranzukommen. Wegen der ganzen Hysterie. Mit der sie einen Haufen Geld verdienen. Masken. Impfung. Schutzkleidung und so …

Vielleicht schaue ich mal nach. Bei Facebook. Oder in der Telegram-Gruppe. Da frage ich einfach mal, ob jemand was weiß …

ZP/August 2021

Zur richtigen Einordnung kann man mal nachlesen (unter anderem):
https://de.wikipedia.org/wiki/Falschinformationen_zur_COVID-19-Pandemie

Ihr merkt, ich experimentiere mit Perspektivwechseln. Erzählerwechsel.
Alles nur Übungen.

Gleich zur Aufmunterung ein bisschen kanarische Musik.
Zwischen Süd-/Lateinamerika und Spanien mischt sich alles …

Und gleich nochwas, weil´s so schön ist.

Der eingeblendete Text lautet in etwa:
Wenn Arbeiten gesund ist, dann sollen doch die Kranken arbeiten.

Sehnsucht???

Wie sagte schon Sokrates: Muße ist der schönste Besitz von allen.

Und ja, man kann Bilder auch mal anders aufhängen.

COVID GEBURTSTAG.

IRGENDWANN IM MAI.

So hatte ich mir meinen runden Geburtstag nicht vorgestellt. Fern der Heimat (England), mitten in einer merkwürdigen Runde seltsamer Menschen in Spanien.
Ich habe meinen Lebenspartner, einen Gomero, geheiratet. Wegen des Brexit. Sonst hätte ich nie geheiratet. Aus Prinzip nicht. Lieben kann man ja wen man will. Zumindest in unseren Breiten. Noch. Und jetzt Pandemie. Ein-/Ausreiseverbot. Verhaftet auf La Gomera, einer kleinen Atlantik-Insel.

Gefeiert wird bei der Schwiegermutter im Hof. Heißt: man kann draußen sitzen, im Gegensatz zur britischen Insel, wo es regnet. Im Gegensatz zu anderen Flecken der Erde, sind hier, auf La Gomera, Treffen (im Freien) mit maximal zehn Personen erlaubt. Woanders sitzen die Menschen zuhause vor dem Fernseher und hören/sehen schlechte Nachrichten und jonglieren mit Ziffern. Also, soviel zum Positiven.

Die kleine Insel hat rund 20.000 Einwohner, davon leben ca. 8.000 in der Hauptstadt, der Rest verteilt sich auf kleinere Gemeinden, verstreut über die Insel. Wir sind hier im Nordosten, in einem kleinen Dorf, in dem, wenn wir es gut meinen, noch ca. 400 Menschen wohnen. Freizeitbauern, Arbeitslose, drei Kneipenwirte, viele (sehr) Alte und ein paar Verlaufene. Als Ausländer und Teilzeitbewohner kenne ich (noch) nicht alle. Wen also einladen zu meinem 40er?

Die Einladung der restlichen Gäste – zieht man mich, meinen Mann, seine Mutter und den Bruder ab, bleiben noch sechs! – übernimmt mein mir soeben angetrauter Ehemann. Er nennt mich übrigens liebevoll Johnny, die anderen John.

Ich erwarte also freudig die Gäste im großzügig angelegten Hof der Schwiegermutter. Derweil skype ich mit meiner Mutter in England. Natürlich auf Englisch. Das verstehen nicht alle, die Hiesigen sprechen meist nur spanisch. Meine Mutter sieht ein wenig zerzaust aus, am Display. Besorgt. Die Arme. Sie getraut sich nicht aus dem Haus. Haben wir´s gut!

Wie hätte ich denn ohne das Virus meinen Geburtstag gefeiert? Unter „normalen“ Umständen? (Und was ist/war schon normal). Mit hundert Leuten in einem Pub? Mit einer krachenden Party? Habe ich überhaupt darüber nachgedacht?

Der Tisch ist gedeckt. Schinken, Käse, Avocado, Almogrote, Brot. Bis alle Eingeladenen eingetroffen sind, vergeht geraume Zeit. Schließlich sitzen alle an der Tafel: meine Schwiegermutter Inma und zwei ihrer Söhne, Roberto und Alejandro, so heißt mein Mann, sein Jugendfreund Mon, die venezolanische Mieterin Irene mit ihrer adoleszenten Tochter, die dicke Maria und zwei deutsche Frauen, die im Dorf wohnen. Petra und Inge. Und natürlich ich, John. Genau zehn Personen.

Auf der unteren Terrasse steht mein Schwager am Feuer und achtet darauf, dass die Paella auf dem Grill nicht verkohlt. Vegetarische Paella. Wir sind Vegetarier, ungewöhnlich genug für die Insel, auf der es vor allem Fleisch mit Kartoffeln gibt. Die Hunde, die unten bleiben müssen, stellen sich von Zeit zu Zeit auf die Hinterpfoten, um Einlass zu erbitten. Vergeblich. Die Party beginnt. Jeder bekommt sein Getränk. Süßen Wein, trockenen Wein, rot oder weiß, Cava, Bier, Limo. Je nachdem. Das Essen startet.

Dazu läuft Musik. Man soll merken, dass gefeiert wird. Wie lange darf man denn? Bis um 22 Uhr oder 0 Uhr? Es wird unübersichtlich mit den Corona-Maßnahmen. Also, jetzt ist es noch früh genug. Ich blicke in die Runde. Neben mir sitzt Alejandro. Ich liebe ihn. Er schreibt. Er schreibt richtig gut. Ist eher schüchtern und zurückhaltend. Dann sitzt da die dicke Maria. Sie ist depressiv. Das weiß jeder. Und sie besteht darauf. So richtig weiß ich nicht, wie der Zusammenhang ist – vermutlich eine Freundin meiner Schwiegermutter, die den Vorsitz am Tischende hat. Diese wiederum ist eine „lustige Witwe“. Tragisch, der frühe Tod ihres Mannes, des Vaters meines Ehemanns. Dabei ist sie so lebenslustig. Wenn man sie „lässt“. Sie sprüht vor Energie und würde am liebsten lossingen. Was sage ich: kreischen. Roberto, ihr zweiter Sohn (es gibt noch einen dritten, der ist nicht da), versucht sich aus dem Szenario herauszuhalten, was ihm aber nicht immer gelingt. Er muss nur motiviert werden. Dann ist da noch der ewige Schulfreund aus Kinder-/Jugendzeiten: Mon. Auch schwul. Geschäftsmann, geachtet im Dorf – und ein ganz spezielles Talent. Ein Original. Er ist Animator und Einheizer. Es gibt Karaoke, später. Nach dem Essen. Da freue ich mich schon drauf. Fehlt noch Irene und ihre Tochter. Sie mussten aus Venezuela weg, wie so viele, sind hier gelandet mit nichts. Ein harter Schlag, alles zu verlassen, Haus, Autos, Tiere, Land … und dann auf diese rückständige Insel zu geraten. Das kann schonmal am Selbstbewusstsein nagen. Gut, dass Irene genug davon hat. Selbst ihre Tochter taut langsam auf. Wenigstens beim Tanzen und Karaokesingen.

Und dann sind da noch die beiden deutschen Frauen. Petra, manchmal ein wenig vorlaut, gibt ein paar Anekdoten zum Besten – und Inge, der Neuzugang im Dorf, probiert ihr nach und nach erobertes Spanisch aus. Alle hören freundlich zu.

Es wird gegessen, bis es nicht mehr geht. Wir kämpfen uns durch alle Speisen, die Paella ist wirklich sehr gut gelungen und geschmackvoll. Die meisten von uns haben in Corona-Zeiten ziemlich zugelegt. Weil sie in Spanien nicht rausdurften. Nichtmal zum Spazierengehen. „Confinamiento“. Das hängt sich an, wenn man zu zweit daheim verhaftet ist und Kochen eine Leidenschaft.

Als Krönung die Geburtstagstorte. Bestellt man auf der Insel eine Geburtstagstorte, bekommt man ein übersüße und mit reichlich Zuckerzeug bunt dekorierte Cremetorte. Als wäre noch heute das wichtigste Nahrungsmittel der Zucker (früher dessen Export, später Import). Für übrige „Europäer“ nicht nachvollziehbar, geschweige denn essbar. Deshalb sind wir gestern extra eine dreiviertel Stunde zu dieser – eigentlich wirklich guten – Konditorei gefahren und haben eine Erdbeertorte bestellt. Etwas Leichtes, Frisches, keine Bombe. Ich sagte, vor allem Erdbeeren – und nur Sahne, keine Creme. Jetzt stand das zweistöckige Kunstwerk auf dem Tisch. Anschneiden. Äußerlich war noch keine Erdbeere zu sehen, vermutlich sind diese alle innen versteckt. Ich schneide an. Keine Erdbeere weit und breit. Wir probieren. Sahne. Und ein wenig Teig. Und, wenn man ganz feinfühlig ist, spürt man ein wenig Erdbeeraroma heraus. Das ist aber nur für die ganz Sensiblen unter uns. Der Sahnehaufen ist ungenießbar. Ich entschuldige mich schließlich dafür, dass ich so einen Schrott gekauft habe. Peinlich.

Gottseidank hat eins der deutschen Mädels einen klassischen Käsekuchen mitgebracht. So ist zumindest die Nachspeise gerettet.

Jetzt muss das Angegessene wieder abgetanzt werden. Musik wird aufgedreht, quer durch den Gemüsegarten. Mon spielt den Entertainer, die Gomeros sind vorne dran mit Karaoke. Es werden verschiedene Kracher ausgesucht, lustig. Alle singen nach Herzenslust. Laut. Ob falsch oder richtig, stört keinen. Mit Inbrunst. Manche, meinen Schwager und die Kleine, müssen erst ein wenig bekniet werden, andere springen voller Freude auf die improvisierte Tanzfläche bzw. Sangesbühne. Die deutschen Damen finden einen gemeinsamen Nenner und geben ihr Bestes zu „Pretty Woman“, Roy Orbison.

Mich freut´s. Alle sind lustig und fröhlich. Es wird laut gelacht. Was will man mehr? Worum geht´s eigentlich im Leben? Eine schöne Zeit zu verbringen, sich zu amüsieren. Das habe ich heute getan. An meinem 40er. Wegen der Ausgangssperre endet die Feier frühzeitig. Dann bleibt mir ja noch die Nacht …
Und die Moral von der Geschicht: Unterschätze die Gomeros nicht …

ZP Mai, Juli 2021

Ab in den Dschungel!

In einem Artikel (El País, 11.7.21) habe ich ein Interview mit dem „Pflanzen-Neurobiologen“ Stefano Mancuso gelesen. Der berichtet von einem Experiment aus Norwegen. Dort hat man über zwei Jahre hinweg einen Vergleich in zwei Schulklassen gemacht. In einer Klasse war alles voll mit Pflanzen. In der anderen stand keine einzige. Am Ende stellte sich heraus, dass die Noten in der Klasse mit den Pflanzen um 30% besser waren, um 45% weniger krank wurden, sich die SchülerInnen untereinander besser verstanden und es kein bullying gab. Also, ab in den Dschungel!

DANKE!

Lesen.

Ich, mal wieder sehr hintennach, habe einen Roman von Uwe Timm gelesen. Fast hätte ich gesagt: ein sympathisches, liebenswertes Buch. Johannisnacht, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1. Auflage 1996.
Ich gebe zu, ein wenig spät – schließlich ist es „kurz“ nach der Wende geschrieben und handelt von kuriosen Begebenheiten in Berlin, aber es ist nach wie vor informativ wie unterhaltsam.

Ein Dialogbeispiel, Seite 42, Zitat:
Die DDR ist, sagte Rosenow und lehnte sich zurück, an der Unfreundlichkeit der Kellner kaputtgegangen.
Was?
Ja, sagte er, an der allgemeinen Unfreundlichkeit. Wenn man eine Mangelgesellschaft hat, dann muss man etwas ganz anderes liefern, mehr Freundlichkeit, mehr Freiheiten, auch für abweichende Sexualpraktiken, und mehr Muße, aber Muße mit gutem Gewissen.

Zitat Ende.
Im Buch fallen die Anführungszeichen bei Dialogen weg, ich habe das ß in zwei ss verwandelt (sorry, konnte nicht anders).

Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

Benjamin Franklin

Ich werfe das Handtuch (natürlich nicht)

Bescheidenheit?

Wenn man Gäste hat (zumindest solche, die nicht mehr ganz jung sind), die über Nacht bleiben und man ein Handtuch anbietet, kommt häufig die Antwort: „Ich brauche nur ein kleines!“ Wieso eigentlich? Welche Art der Bescheidenheit ist das? Ich werfe ein kleines genauso in die Waschmaschine wie ein großes und es verbrauchen beide vermutlich genausoviel Waschpulver wie Strom.
Wenn ich eingeladen bin, bevorzuge ich ein großes Handtuch. Man kann sich nach dem Duschen nicht in ein kleines Handtuch einhüllen. Es kommt mir immer vor, als würde ich mich mit einem Waschlappen abtrocknen. Mich stört es, wenn mir Leute ein „kleines Handtuch“ rauslegen, weil sie glauben, das genüge ja um sich abzutrocken. Nein! Genügt nicht. Ich will ein großes. Duschtuch. So groß, dass man es zumindest einmal um sich herumwickeln kann, wenn man aus der Dusche steigt. Und nicht einen Fetzen, der hinten und vorne nicht reicht. (Vom Haarewaschen rede ich nicht). Think big.

Foto: C.laudia


„Das ganze Unglück in dieser Welt ist, dass die Dummen so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind.“
Bertrand Russel

Hat angeblich Marc Zuckerberg gesagt: „done is better than perfect“

nicht von mir …

Wie wahr:
„Für angenehme Erinnerungen muss man im Voraus sorgen.“
Paul Hörbiger

Irgendwo habe ich das gelesen:

„Und je weniger die Menschen vom Leben verstehen, umso mehr coaches gibt es. Je mehr Umweltlabels es gibt, umso mehr Schaden richten wir an. Auch wenn die Hälfe bei European Songcontest braun oder schwarz war und das Motto „diversity“ heißt, umso uniformer denken die Menschen und umso weiter entfernt sich dieses Label von der Realität.“

Ich schaue Nachrichten über die Mediathek. Und dann laufen die ersten Minuten und ich bin mir nicht mehr sicher, ob das nicht vielleicht die Nachrichten von gestern sind, die ich schon gesehen habe. Falsch geklickt? Dann schaue ich nach – und stelle fest: nein, das sind die aktuellen vom Tage.

Spinne ich oder bekommen wir jeden Tag das gleiche serviert und ständig die gleichen Bilder gezeigt: Oberarme, in die eine Spritze fährt?
Man müsste mal zählen, wieviele solcher Oberarme ich in den letzten Monaten ins Hirn gepresst bekommen habe.
Gut, dazwischen ein bisschen Gaza, ein paar Bomben, ein paar Tote …
(Der Text ist vom letzten Monat)

ZAPP!

Berta zappt im TV. Ständig. Sie sagt, sie habe seit drei Wochen nicht mehr fern gesehen. Das mache sie nervös. Als ihre Tochter Lisa ankam, lief die Glotze. Sie mache gerade einen neuerlichen Versuch, erklärte sie.

Berta kann kaum noch laufen. Der Alltag ist beschwerlich, die Freuden spärlich. Ihren 80. Geburtstag hat sie lange hinter sich.

Es ist Montag – und laut Berta montags eh nix Interessantes im Programm. Sie zappt. Irgendein US-Film mit Dianne Keaton ist auf 3 Sat. Zapp. „So ein komischer Film.“ Zapp. „So ein Blödsinn“. Es erscheinen im Schnelldurchlauf seltsame Gestalten, Quiz, Filme, wo man wirklich sagen muss: Weg damit! Das will ich nicht ansehen.

Wer will sowas sehen …?

Das war vor Corona-Zeiten.

Auf irgendeinem Kanal schwimmen Wale. Tierfilm. Die Tochter sagt zur Mutter: „Lass doch das, Tierfilm, das ist doch eher entspannend.“ Berta stimmt zu, meint, das sei doch faszinierend, die Welt der Natur und – zapp! – sind die Wale weg. Arnold Schwarzenegger erscheint. Lisa beschwert sich. Kurz die Wale, wie sie einen Pinguin seines Kleides entledigen und ihn in kürzester Zeit zerquetschen – zapp! – Quiz. Zapp: Schwarzenegger, zapp – was weiß ich. Und die Wale? Lisa sagt nur: „Jetzt verstehe ich, warum dich Fernsehen nervös macht!“ Berta: „ja, ja, da läuft nichts.“ Berta hört schlecht. Sie versteht Null. Lisa wird deutlicher: „Wenn du immer rumzappst, wird man ja ganz nervös!“ Das bezieht Berta aber mitnichten auf sich, sondern auf das Fernsehen an sich und überhaupt. Kurz erscheinen noch Katja Riemann und ein paar weitere renommierte Schauspieler, die durchaus darauf schließen ließen, dass es Filme gibt, die man sich anschauen könnte. Aber Berta lässt ihnen keine Chance. Zapp, weg. Zum Schluss macht die alte Dame den Kasten aus. „So, was machen wir jetzt“, stellt sie frivol fest. Lisa: „Gehen wir ins Kino, da kann man sich einen Film am Stück anschauen.“

Geschichten

Opa und Tante.

Ich weiß nicht, wovor mein Großvater geflüchtet ist. Vor den Russen. Oder vor seiner Frau. Oder vor beidem. Er floh aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern, oben, kurz vor der polnischen Grenze. War er überhaupt Flüchtling? Weggelaufen? Keine Ahnung. Als mein Großvater starb, war ich zu jung, um solche Fragen zu stellen. Das gleiche wiederholte sich mit meinem Vater. Keine Fragen. Keine Antworten.

Ich weiß nur soviel: mein Großvater – und später mein Vater – landeten in einem Dorf im Hessischen. In der Rhein-Main-Ebene. Dort hatten die Amerikaner die Hoheit der Alliierten. Er kam, wie viele Flüchtlinge, zunächst privat in irgendeiner Kammer bei wohlmeinenden Menschen unter. Oder gab es eine Stelle, die Quartiere zuteilte? Das weiß ich nicht. Ich erinnere meinen Großvater als einen feschen, stattlichen Mann, wie man das damals gesagt hätte.

Wir Kinder nannten die Vermieter „Ungl“ und „Dant“, Onkel und Tante. Hessisch. Als mein Großvater schon längst aus seiner Flüchtlings-Dachkammer ausgezogen war, bewohnte viele Jahre unsere Familie die Wohnung im ersten Stock des Zweifamilienhauses. Dort wurden meine Schwester und ich geboren. Hausgeburt, damals üblich. Wir Mädchen schliefen in demselben Zimmer wie unser Opa seinerzeit.

Die Vermieter waren Hessen, aus meinen Kinderaugen uralt – und ein Paar, das unterschiedlicher nicht hätte sein können. SIE groß und gertenschlank, die Haare streng nach hinten zusammengebunden, immer auf Achse, immer was zu tun, die Hühner, der Garten, putzen, kochen. Ich erinnere mich genau, dass ich einmal zusehen durfte, wie sie ihre langen, graumelierten Haare kämmte und dann kunstvoll zu einem Knoten zusammensteckte. Ich habe das als eine sehr intime und vertrauensvolle Situation im Gedächtnis abgespeichert. So als hätte man ein gemeinsames Geheimnis.

ER klein und rund. Alles an ihm war rund. Der Körper wie eine Kugel, auf dem eine kleinere Kugel saß, der Kopf. Ohne Haare (gut, ein paar Resthaare waren über die Glatze gekämmt), alles an ihm war kugelig. Bis auf sein spitzes Taschenmesser, mit dem er aß. Ich habe ihn nie mit Messer und Gabel essen sehen, immer nur mit dem Taschenmesser. Er schnitt das belegte Brot in „Muffelscher“, spießte dann ein Häppchen auf und führte es zum Mund. Ich war fasziniert, als Kind. Wenn er nicht gerade Brot aufspießte, saß er am Fenster, auf ein Kissen gelehnt, die Fensterläden halb geschlossen und glotze auf die Straße. Wo sich in der Regel nicht viel abspielte, es war kleines Nest, der Verkehr in den 50ern mäßig, wir Kinder spielten auf der Straße. Die Nachbarin gegenüber war für ihr lautes Organ bekannt und brüllte ab und zu durch Mark und Bein. Das war´s.

Ein wenig Schwung brachten nach dem Krieg sudetendeutsche Zuwanderer, zu denen auch meine Mutter gehörte, in die ländliche Idylle. Gewerbetreibende, Instrumentenbauer, fleißige Handwerker. Sie bauten kleine Siedlungshäuser am Waldrand, gründeten seltsame Vereine wie einen Skiclub, obwohl weit und breit kein Hügel, geschweige denn Schnee in Sicht war und gingen in die falsche Kirche. Sie waren Katholiken. Anstatt Zuckerrüben anzubauen, bastelten sie an einer besseren Zukunft und machten Hausmusik. Im Laufe der Zeit lernten die Alteingesessenen mit den Neuen umzugehen – und umgekehrt.

Der Onkel war angeblich früher Wirt und nun Frührentner. Oder vielleicht war das auch nur eine Geschichte, die man uns Kinder erzählte. Ob und welche Krankheit er gehabt haben könnte, habe ich nie gewusst, ich habe ihn einfach so genommen wie er war. Und ich habe ihn nie wirklich in Bewegung gesehen. Wie er von der Küche zu dem Zimmer, wo er aus dem Fenster schaute, kam, ist mir ein Rätsel.

Wie dem auch sei, mein Großvater landete in der Dachkammer des ungleichen Paares. Wie lange er dort wohnte, weiß ich nicht, er hat später ein Haus gekauft oder gebaut und eine zweite Frau geheiratet. Seine erste, meine Oma, war in der – später  dann – DDR geblieben. Mein Vater hatte zeitlebens ein schlechtes Gewissen, dass er seine Mutter verlassen hatte, um in die Nähe seines Vaters zu ziehen, wo er schließlich meine Mutter kennenlernte.

Eines Morgens, als wir uns für die Schule – ich ging bereits ins Gymnasium – fertigmachten, lief mein Vater aufgeregt und heulend umher. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Er rief immer wieder: „Der Opa ist tot, der Opa ist tot!“ So ganz hatte ich das nicht begriffen, mit dem Tod hatte ich bislang nichts zu schaffen, er war mir unerklärlich, um nicht zu sagen gar nicht vorhanden. Mein Vater war völlig aufgelöst. Mein Opa starb an Lungenkrebs. Mit der Nachricht von seinem Tod hatte der Sohn, das Einzelkind, quasi über Nacht seine Familie verloren.

Ich erfasste in keiner Weise die Tragweite der Ereignisse, ging dennoch reichlich verstört in die Schule. Deutschstunde. Ich wurde aufgerufen, um ein Gedicht zu rezitieren, natürlich auswendig: Theodor Storm, Meeresstrand. „Ans Haff nun fliegt die Möve“ …  Ich wusste nicht einmal die Überschrift, die erste Zeile sagte mir jemand vor, ich schwieg. Mein Gehirn meldete totales Vakuum. Das tut es übrigens bis heute. Ich habe mehrmals versucht, das Gedicht auswendig zu lernen, aber in meinem Hirnraster verfangen sich die Verse nicht. Meer, Inseln, Dämmerung … dafür hatte ich keine Bilder als Kind des hessischen Flachlandes … Ich weiß nicht, ob ich das Gedicht vergessen oder einfach nicht auswendig gelernt hatte, Aufgabe vergessen, keine Ahnung. Ich entschuldigte mich für mein Versagen mit dem Tod meines Großvaters. Tut mir leid, mein Opa ist heute gestorben. Punkt.

Ich versuchte die peinliche Situation so gut es ging zu verdrängen, mein fröhliches Gemüt hatte wieder die Oberhand gewonnen, als ich von der Schule nach Hause kam. Schon im Hof empfing mich meine ältere Schwester mit dem Satz: „die Tante ist tot!“ Ich lachte über den Scherz. Ein Toter am Tag ist genug! Es war kein Scherz. Die Vermieterin, in die Jahre gekommen, mit den grauen Haaren und dem trägen, invaliden Ehemann, hatte die Nachricht vom Tod meines Großvaters erreicht und ist auf der Stelle tot umgefallen. Herzschlag. Ich konnte das alles nicht verstehen. Erst viel, viel später hatte ich 1 und 1 zusammengezählt. Sicher hatten die beiden ein Verhältnis. Die Tante und mein Großvater, der Untermieter. Ja, vielleicht war mein Opa sogar die große Liebe meiner Wahltante. Wer weiß. Sicher war, dass der Tod sie am gleichen Tag geholt hat. Das nennt man Schicksal. Oder so.

Meeresstrand von Theodor Storm

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Buch-Tipp

Ich habe das neue, schwer gehypte Buch von Christian Kracht gelesen. Eurotrash. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1. Auflage 2021

Ich kann mich nur erinnern, dass ich von „Faserland“ seinerzeit sehr beeindruckt war (wenn ich auch gar nicht mehr wüsste, was da drin stand, da müsste ich nachsehen !?!), also dachte ich, lese ich mal, was der Autor von Faserland zu sagen hat (der Protagonist im Buch). Ich habe es erstens ratzfatz durchgelesen (was mir selten passiert) und zweitens genossen. Er schreibt einfach gut, ein Genuss. Die Story kann man finden wie man will, die Aufreger für die Presse (die Vergewaltigungen) sind beiläufig, nicht wichtig, die Kleinigkeiten regen an.

Zitat:
„Manchmal, oft hatte ich mir gesagt, wirklich, dass es kein Anzeichen von seelischer Gesundheit war, sich an eine zutiefst gestörte Familie anpassen zu können. Und wie es mir nur gelungen war, überhaupt jemals gelingen konnte, mich aus der Misere und der Geisteskrankheit meiner Familie herauszuziehen, aus diesen Abgründen, die tiefer und abgründiger und elendiger nicht sein konnten, und ein halbwegs normaler Mensch zu werden,…“
oder
„Und wenn sie nicht meine Mutter gewesen wäre, hätte ich gedacht, hätte ich sie vielleicht gerne kennengelernt.“
oder
„Es war immer die Sprache selbst gewesen, die Befreiung und gleichzeitige Beherrschung der spastischen Zunge, es war das einzigartige Geheimnis gewesen, das in der korrekten Abfolge der Silben steckte.“

Schön ist die Leichtigkeit, mit der Kritik rüberkommt – und die Selbstironie.

Und noch eine kleine Geschichte: Schadenfreude.

Schadenfreude ist die schönste Freude. Deshalb schreibe ich das auf. Für euch. Falls ihr ein wenig Aufmunterung gebrauchen könnt.

Der Tag fing damit an, dass ich im Hof die Scherben aufgekehrte, weil der Wind meine Vase umgefegt hatte und sie zersplittert ist. Naja, kann passieren. Heute Putztag. Muss eh aufräumen.

Das mit den Scherben (bringen die wirklich Glück?, na dann!) ging so weiter: beim Staubwischen ist meine einzigartige Keramikhenne auf die Porzellanfigur geknallt. Wie habe ich das gemacht? Ich passe doch auf, normalerweise. Porzellan in Splitter, Henne hat einen gebrochenen Haxn. Ist eine extra für mich gemachte Keramikfigur einer befreundeten Künstlerin. Ein Unikat! Nicht aufregen, Helga. Alles vergeht, auch du lebst nicht ewig.

Die Putzaktionen gingen unfallfrei zu Ende. Bis zum Termin habe ich noch Zeit, ich könnte einen Kuchen backen. Prima. Mein Kühlschrank ist so brechend voll (ja, ich müsste ihn mal ausmisten!), dass mir beim Herausholen der Butter die Oliven auf den frisch gewischten Küchenboden kullern. Die am Markt teuer erstandenen gemischten, eingelegten Olilven! Alles ölig. Die Oliven überall, ich suche unter den Schränken. Schaden behoben, alles wieder aufgewischt. Kühlschrank abgewischt. Kein Problem.

Ich schiebe den Kuchen in den Ofen. Vorgeheizt, alles gut. Ich räume ein wenig zusammen in der Küche. Mein Backofen macht aber heute komische Geräusche und mein Kuchen duftet bereits nach fünf Minuten. Was ist da los? Gottseidank schaue ich nach: ich hatte auf „Grill“ gestellt. Ich habe noch nie probiert, einen Kuchen zu grillen anstatt zu backen und möchte es auch diesmal nicht. Ich schalte zurück auf den richtigen Regler. Ich wollte keinen „Marmor“kuchen mit knusprig gegrillter schwarzer Außenhülle. Vorsichtshalber decke ich die schon gut angebräunte Oberfläche in der Form mit Alufolie ab, um die Auswirkungen (hoffentlich) einzudämmen.

So ein Kuchen braucht ja seine Zeit. Zwischenzeitlich spüle ich ab bzw. ich will abspülen. Ja, nicht lachen, ich spüle per Hand! Nichts geht mir, die Brühe staut sich. Der Abfluss ist verstopft! Prima. Das hat gefehlt. Ich werkele mit meinem Vakuum-Stampfer (wie heißen die Dinger?) und die ganze Sch… kommt mit Schwung seitlich am Waschbecken heraus und verteilt sich auf meine ebenfalls frisch geputzte Spüle und Ablage. Danke. Das war nötig. Aber der Abfluss ist frei. Sehr gut. Ich getraue mich nicht, einen Blick auf den Kuchen zu werfen. Wer weiß, was das gibt – am besten, ich schaue nach, wenn die Zeit um ist und rechne mit dem schlimmsten. Oder? Cool down, baby.

wie heißt dieses Ding?


Ich gehe zu meinem Kleiderschrank, will mir Klamotten rauslegen. Nach den ganzen Putzaktionen werde ich erstmal duschen, wenn der Kuchen fertig ist. Doch: Was ist das an meiner Fensterscheibe? Sind das Käfer? Fliegen? Es wuselt. Getier. Ekelhaft. Ich putze, morde, reibe. Wo kommen die her? Sie werden immer mehr. Ich habe das Gefühl, sie vermehren sich unter meiner Hand. Animiert durch das schöne Wetter, vermutlich. Vom Winterschlaf aufgewacht, wie unsereins. Schließlich greife ich entnervt zu Gift. Das mache ich sonst nie! Ich hab´s aber. Ende. Jetzt wird durchgegriffen! Jetzt reicht´s!

Das beeindruckt in der Regel die Viecher kein bisschen. Morgen sind sie sicher wieder da. Oder in fünf Minuten. Aber ich schaue heute nicht mehr nach.
In meinem Kalender steht: Sachlichkeit ist heute Ihr Schlüssel zum Erfolg. Also.

Jetzt die obligatorischen Zitate …

„Das Rezept für Gelassenheit ist einfach: Man darf sich nicht über Dinge aufregen, die nicht zu ändern sind.“ Helen Vita.

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen.“  Asiatische Weisheit

„Der Ärger ist als Gewitter, nicht als Dauerregen gedacht; er soll die Luft reinigen und nicht die Ernte verderben.“ Ernst R. Hauschka

„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ Konrad Adenauer (kann man nicht oft genug sagen)

„Wenn wir die Welt von unseren Schultern nehmen, erleben wir, dass sie nicht fällt.“ John Cage

Wer noch verreisen kann …

Ein männlicher Briefmark
von Joachim Ringelnatz

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens,
Das ist die Tragik des Lebens.

Tipp: Christoph Cech spielt sein Beethoven-Projekt in der Sargfabrik am 1. und 2. März 2021 – zu sehen im Videostream. Wer will: Sargfabrik.at, Beethoven Pocket-Orchestra. 

Reif für die Insel?!

Homeoffice, Homeworking, Teletrabajo. Die Kanaren wollen jetzt unbedingt zahlungskräftige, unabhängige „remote-worker“ anlocken. Junge Menschen, die ihren laptop zuklappen und dann ins Meer hüpfen, werden gerne in den Nachrichten gezeigt …
Auf diesen Zug ist auch „Der Spiegel“ aufgesprungen. War da mal wieder eine Pressereise? Ein unreflektierter Artikel, der alle Klischees abfeiert – muss das sein? Es geht – mal wieder – um La Gomera. „Ich hab null schlechtes Gewissen“. Deutsche auf La Gomera. Von Claus Hecking.  Am 17.2.2021 im Spiegel (online) zu lesen. „Corona-Flüchtlinge“, natürlich im Valle Gran Rey, wo sonst (der Rest der Insel scheint nicht zu exisitieren). Bilder: Paar am Sandstrand. Oder Baum, blauer Himmel, Regenbogen, Meer, eine entspannte Yoga-Lehrerin. „Ich bin hier so frei. Am liebsten würde ich für immer so leben wie jetzt“. Ich glaube, hier liegt eine Verwechslung vor, lieber Dr. Claus Hecking …

Was halten wir davon?

„… erhielt ein Polizist Verletzungen“ … (gehört im Radio).
Ich weiß nicht, mein Gehirn belegt das Wort „erhalten“ mit einem Geschenk, beispielsweise, oder mit Post. Mit einer Art von Übergabe, aber auf keinen Fall mit einer aggressiven Aktion.
Ich verstehe schon: Wenn man das Subjekt im Satz nicht nennen will (wer hat wen verletzt?), wendet man das Passiv an. Manchmal als Vermeidungstrick: „wurde ein Polizist verletzt“ – klingt das jetzt auch schon zu gewalttätig, als dass man das abmildern müsste?

„Vergangenes kann man nicht ändern, aber man kann sich ändern – für die Zukunft.“ Hans Fallada
und gleich noch eins:
„Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren.“ Ilse Aichinger. Hilfe!

Was ist der Goldman-Disclaimer?

„Nobody knows anything. Not one person in the entire motion picture field knows for a certainty what’s going to work. Every time out it’s a guess — and, if you’re lucky, an educated one.“
Nobody knows anything: der Goldman-Disclaimer. William Goldman, Drehbuch-/Autor.
Dazu:
„Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, keine Wahrheit“, sagte uns Marc Aurel.

Genug mit den Zitaten. Man könnte seine gesamte Meinung in Zitaten ausdrücken – oder?

back to sender …

Der ORF hat veröffentlicht, dass Österreich Plastik-Müll nach Malaysia verkauft hat. Das Blöde: Er kam jetzt zurück. 100 Tonnen Müll (von ursprünglich über 700 Tonnen – wo ist der Rest???). Belasteter Müll, der schwer bzw. bei unseren Auflagen teuer zu entsorgen ist? Wird derzeit analysiert.
„Gerade aus Malaysia kennen wir viele Beispiele, wo die Verarbeitung oder Deponierung von importiertem Müll Menschen krank macht und Meere, Flüsse und die Natur verschmutzt,“ meint Lisa Panhuber, Konsumexpertin bei Greenpeace in Österreich.

Natürlich ist Geld im Spiel. Viel Geld. Und viele Subunternehmer. Das Geschäft mit dem Müll floriert. Alles, was man glaubt weit weg von den Industrienationen auf der Erde entsorgen zu können, taucht irgendwo wieder auf. Klar. Meist nicht direkt am Versandort wie in diesem Fall (haha), sondern in anderer Form (Klimawandel, Feinstaub usw.). Der naive Glaube, dass der Dreck weg ist, scheint im Erwachsenenalter nicht aufzuhören. Aus den Augen, aus dem Sinn. So wie Kinder glauben, dass man sie nicht sieht, wenn sie die Augen zumachen. Meine Mutter hätte gesagt: „Das Haus verliert nichts.“ Und selbst wenn wir die Müllhalde auf den Mars ausweiten …

Tote Künstler.

Hans Staudacher und Arik Brauer sind tot. Jeder auf seine Art herausragende Künstler. Und beide alt geworden. Schön.

R E S E T 2 0 2 1

Nochmal von vorn. 2021. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf. Oder so. Und dann alles saubermachen, waschen, Antennen aufstellen. Keine Ahnung. Wenn ich weiß, wie´s weitergeht, melde ich mich.

Das geht ja gar nicht!

„Das geht ja gar nicht!“ – Hört man überall, oder? Wann und wie hat sich dieser Satz eingeschlichen in das Repertoire der Standardsätze – und vor allem in die Köpfe? War früher das Motto „unbegrenzte Möglichkeiten“ (wem fallen da noch die USA ein?), so ist heute alles mögliche „alternativlos“.

Jeder hat die Wahrheit gepachtet und weiß wie´s geht – und man schaut in die „alternativen“ Medien, um sich vermeintlich schlau zu machen.  Alternativ war früher mal eine Bezeichnung für etwas Befreiendes, Kreatives, fast hätte ich gesagt Utopisches – oder spinn ich?

„Das geht ja gar nicht!“ ist der Ausdruck der beschränkenden Denkweise im Alltag. (Ich sage nicht beschränkte Denkweise.) Selbst ich bin manchmal versucht, diesen Satz auszusprechen, noch stolpere ich aber darüber. Und horche auf, wenn das jemand sagt. Aber wann fällt es mir nicht mehr auf?

oder?

„Das geht ja gar nicht!“ Wirklich? Muss doch gerade passiert sein. Geht doch! Es geht alles! (Manche Politiker machen es vor). Es wäre nur schön, wenn man sich über die Konsequenzen seiner Gedanken und Handlungen bewusst wäre. Diese Beurteiler und Besserwisser (natürlich auch Innen), Shitstorm-, Hasspostings- und Schimpftiraden-Schreiber und -Sprecher, Menschen die lieber sofort die Polizei anrufen als erstmal mit dem Nachbarn zu sprechen, legen Zeugnis ab … ja, wofür? Schwindende Toleranz? Zerrüttung bürgerlicher Werte? Fehlender Einfluss der Kirche, Sterben der christlichen Religion? Niedergang der Politik? Fragmentierung der Gesellschaft? Fehlentscheidungen klassischer Medien, Macht der sozialen Medien? Einzug der AfD / Vox und anderen Giftmischern ins Parlament? „Insolvenz des Denkens“ schrieb neulich ein Freund (danke, gefällt mir). Was läuft schief? Oder ist das der normale Fortgang der Evolution …

Plötzlich Weihnachten

Ich wollte eigentlich (!) diesen Gedanken vertiefen, aber plötzlich (wie jedes Jahr plötzlich) ist Weihnachten und das Jahr neigt sich dem Ende zu, da kann man keinen Gedanken zu Ende denken, es kommt dauernd was dazwischen. Nur soviel: Wir können uns ja mal vornehmen, sich zu fragen, welcher Beitrag von uns das Zusammenleben verbessern könnte, was wir uns wünschen („was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ hieß das doch früher), was das Leben lebenswert macht (ohne gleich die ganze Welt retten zu wollen!). Ich merke gerade: ich hätte Prediger werden sollen …

Also, dann lieber ein Zitat:

„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

Voltaire

Angela Merkel glaubt an die Kraft der Aufklärung, sagt die Süddeutsche. Es fällt schwer, nicht vom Glauben abzufallen.

Apropos Glauben. Ich glaube, ich muss meine Kamera kalibrieren. (Keine Ahnung, wie das geht). Links Digikamera, rechts Handy. Wir werden überall verarscht – von der medialen Vermittlung (Kamera) und unserem Gehirn. Also, blau war das Bild auf keinen Fall (behaupte ich).

So kann man natürlich nicht aufhören …

Das Jahr endet mit einem Dank. Danke an ALLE für ALLES, was geholfen hat, das Leben freundlich zu gestalten. Und das war doch eine ganze Menge. Danke an meine Freundinnen und Freunde, ich fühle mich großzügig beschenkt. Danke für geistige Anregungen, Aufgaben, Auseinandersetzungen, die Abwechslung bieten und dafür sorgen, dass der Geist nicht gänzlich einschläft. Danke für Unterstützung und Anerkennung. Und ein stilles Gedenken an die, dies es nicht bis zum Jahresende geschafft haben.

In Erinnerung an schönere Zeiten und in Hoffnung auf ein besseres 2021, alles Liebe!, passt auf euch auf.  

Immer wieder schön.
(Es gibt auch noch eine Version mit bewegtem Bild, aber da ist der Ton sauschlecht. Und man will doch den Text verstehen ;))

Fundstücke

Wetter wird schlecht, daheim bleiben, aufräumen.
Ich bin immer noch am Sortieren, Löschen, Staunen.
Beispielsweise habe ich eine fünf Jahre alte mail gefunden, in der mich ein Freund (vom anderen Ende der Welt) nach meinen Kontaktdaten fragt – und diese mail habe ich jetzt beantwortet! Reaktion: prompte Antwort, endlich höre man was von mir … Was für eine Freundin bin ich eigentlich?

Hihi, das macht richtig Spaß! Weitere Jawlensky-ZiPi-Kopien. Alexej Jawlensky. 1864 (Torschok, Russland) bis 1941 (Wiesbaden, D). Das Bildnis des Tänzers (!) Alexander Sacharoff habt ihr ja schon gesehen (siehe 28.8.2020). Links ist das Portrait von Marianne Werefkin und rechts – tja, rechts – keine Ahnung, ob das überhaupt ein Jawlensky ist. Irgendwo habe ich das rausgeklaut und jetzt finde ich es nicht mehr. Weiß jemand, was das ist?
Dazu passt ein Zitat (aus meinem Kalender): „Klugheit ist Erkennen der Grenzen. Höchste Klugheit ist Erkennen der eigenen Grenzen.“ haha. Franz Carl Endres (1878-1954, Offizier, Historiker, Schriftsteller und Freimaurer).

Weiteres Fundstück: eine kleine Geschichte.

Tante Emile.

Ich hatte einmal eine Tante. Sie hieß Emile. Natürlich nicht richtig. In Wirklichkeit hieß sie Emilie. Aber jeder nannte sie Emile. Betonung auf dem E. Dieser Name ist heute völlig aus der Mode gekommen. Und Tante Emile ist auch schon lange tot. Sie war eine herzensgute Frau, rund und gemütlich, mit einem kleinen Oberlippenbart und einem flaumigen, liebenswürdigen Gesicht.

Als Kinder schreckten wir immer zurück, wenn Tante Emile uns küssen wollte. Und Tante Emile küsste gerne. Immer und überall. Wir drehten uns ein wenig zur Seite, um sie nicht ganz zu beleidigen. Aber im Grunde war es uns hochgradig unangenehm, die weiche, zart bewachsene Haut von Tante Emile zu berühren, den Pfirsichflaum. Mindestens 100 Kilo wog sie  – dachten wir.

Ich hatte ein besonderes Verhältnis zu Tante Emile. Denn alle in der Verwandtschaft (zumindest Mutter und Großmutter) sagten, ich würde Tante Emile wie aus dem Gesicht geschnitten sein – jedenfalls als Tante Emile klein war, habe sie genauso ausgesehen wie ich. Schöne dunkle Augen, schlank, hübsch. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, dass meine Tante Emile jemals schlank gewesen sein sollte – ja nicht einmal die Vorstellung, dass sie irgendwann einmal jung gewesen sein könnte, passte in meinen Kopf.

Aber es gab ein sichtbares Zeichen unserer Verwandtschaft und Ähnlichkeit: Ich hatte ihre Daumen geerbt. Das waren Daumen, die allgemeine Heiterkeit auslösten, sobald sie jemand näher betrachtete. Ja, ich konnte damit sogar eine Freundin aufheitern: „Zeig mir mal deinen Daumen, dann kann ich wieder lachen“. Diese Daumen sahen aus, als hätte man sie mit dem Hammer platt geklopft. Die Kuppe extrem breit, dafür der Rest sehr kurz. Sie erweckten den Eindruck, als fehlte ein Daumenglied. Und genau solche Daumen hatte Tante Emile.

Wenn Tante Emile als Kind so ausgesehen hat wie ich – sehe ich dann als Erwachsene so aus wie Tante Emile? Ich hatte fürchterliche Angst, so behaart und dick zu werden wie sie. Und außerdem wurde sie im Alter vergesslich, verwirrt und als Alzheimer-Patientin schließlich in ein Heim gebracht. Dort hat sie alle Bewohner freundlich abgebusselt, wie es eben ihre Art war.

Manchmal schaue ich auf meine Daumen und denke an die gute, alte Tante Emile. ENDE.

Diese Geschichte ist fast 20 Jahre alt.
Apropos … bei der Gelegenheit könnte ich die Bücher von Helena Morgen mal wieder ins Spiel bringen. Ist zwar gerade keine Reisezeit, aber vielleicht Lesezeit?

Weihnachts-Shopping ist momentan nicht so einfach. Da liegt der Hund schon mal im Detail begraben. Oder im Foto rechts. Wenn ein Ausländer nachschlagen möchte, was eine „Einfachgarnitur“ ist, würde mich interessieren, ob er rausfindet, wo sein Zug hält … Nächstes Hindernis: Bahnsteigmitte!

„Auch der Ozean besteht aus einzelnen Tropfen.“

William Butler Yeats. Selbst nachschauen!

Tipps

Empfehlung:

Sehr erhellendes Buch zum Thema Corona-Virus (ja, ja, ich weiß!, man hat keine Lust mehr darüber nachzudenken, geschweige denn was zu lesen, aber es lohnt sich!). Gut recherchiert, nicht ideologisch verbrämt, aufklärend – auf mehreren Ebenen. Was macht so ein Virus eigentlich (im Rahmen der Evolution)? Wie war das gleich mit dem Corona-Virus (Historie Wuhan, Ischgl). Was ist wo wie ansteckend, was weiß man mittlerweile über die Gefahren? Welche Maßnahmen machen Sinn, welche weniger …

Kurt Langbein, Elisabeth Tschachler: Das Virus in uns.
Motor der Evolution. Molden Verlag, 2020
Styria Buchverlage Wien-Graz

Was Schönes

Auch das gibt es. Was Schönes. Leider ist der Autor, Luis Sepúlveda, im April 2020 an/mit Covid 19 in Oviedo (Spanien) gestorben. Mit 70. Ich habe seine spannende Biographie und die emotionalen Nachrufe in der El País gelesen. Und ein kleines Büchlein, das ich empfehlen möchte.
Ich hab´s auf spanisch gelesen, man bekommt es aber auch in Deutsch. Wurde bereits in den 80ern geschrieben. „Der Alte, der Liebesromane las“.

Luis Sepúlveda: Un viejo que leía novelas de amor. colección andanzas, Tusquets Editores, 63. Ausgabe Mai 2004, © LS 1989; 

Beeilung!

Das dritte Buch, das ich vorstellen möchte, ist von dem bekannten Biographen (ich verkürze jetzt mal so) Jürgen Neffe (mein Liebling: Darwin!).
Jürgen Neffe. Das Ding. Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl.
EUROPAVerlag © 2020 Europa Verlag, Berlin
„Die nachfolgende Fiktion beruht auf wahren Begebenheiten und Begegnungen.“

Ein Roman um Donald Trump (auch sehr verkürzt). Ich kann nur hoffen, dass der Erfolg des Buches nicht vom Wahlausgang am 3. November 2020 abhängt. Wer will schon die Wiederwahl von Trump? Und die Frage ist, welcher Hahn kräht nach ihm, sollte er die Wahl verlieren … oder irre ich …