Erinnerungen.

erstellt am: 29.10.2020 | Kategorie(n): Allgemein |

Schwieriges Thema. Ich lösche gerade. Nein, nicht meine Vergangenheit aus meinem Gedächtnis (soweit bin ich noch nicht), sondern alte E-Mails. Im Strudel kommt man oft nicht dazu, die Mails gleich zu löschen. Und manchmal braucht man sie ja auch noch, um mal nachzusehen: habe ich die Datei geschickt, gibt´s die Adresse noch, wie war das gleich? Und schon bleiben sie einfach am Rechner stehen.

Aber nach zehn Jahren kann man davon ausgehen, dass sich die meisten Sachen erledigt haben. Also, ich habe beim Jahr 2005 angefangen. Ja. Richtig gelesen. 15 Jahre alte Mails. Und zwar die, die ICH geschrieben habe, nicht die, die ich bekommen habe (muss mal nachsehen, ob ich die schon gelöscht habe … haha). Und da ich ein großer Dokumentarist bin (leider!), bringe ich es nicht übers Herz, einfach „delete“ zu drücken – und alles ist weg. Ich beneide Menschen, die das können, ich kann es nicht. Ich schaue wirklich jedes Mail an.

Flohmarkt-Verkleidung
Flohmarkt vor zehn Jahren. Mit Verkleidung.

Natürlich kann man die meisten sofort löschen, man sieht: Terminbestätigung, Formales, Erledigtes. Aber es gibt manchmal auch  einen richtig interessanten Austausch per Mail. Früher hätte man Briefe gesammelt. Freunde, die man eben nicht ständig sieht (wie gute Freunde, die um einen herum sind), sondern solche, die weiter weg wohnen, die man selten besucht, die einem trotzdem ein Leben lang begleiten. Wenn man Glück hat.

Kommen und Gehen

Einige verliert man im Laufe der Zeit, einfach so, ein paar haben den Weg verlassen, können nicht mehr antworten. Manche starben plötzlich, andere quälten sich eine lange  Zeit. Im Nachhinein sehe ich, dass ich über Jahre hinweg „Trostmails“ an eine Freundin geschrieben habe, ironisch selbstverständlich, Aufmunterungsmails, Durchhalteparolen, Selbsthilfesprüche, Lösungsvorschläge, Einladungen, alles mögliche – und ihr Suizid traf mich trotzdem mit voller Wucht, unerwartet. Warum erkennen wir Zeichen erst hinterher?

Das Interessante ist, dass all meine „Sorgen“, die ich damals hatte, sich in Luft aufgelöst haben. Sprich: die Zeiten ändern sich. Und man sich (im besten Fall) mit. Vor zehn Jahren habe ich mit C. einen Flohmarkt gemacht (mit mäßigem Erfolg). War lustig. Siehe Foto. Da hatte ich noch braune Haare. Es kommt mir sooo weit weg vor! Zehn Jahre alte Gedanken lese ich da. Gedanken, die ICH gedacht habe. Manchmal kommen mir ein paar Lichtblicke unter. Da denke ich: gar nicht so blöd, ich kann eine/meine Linie erkennen. Was hat mich umgetrieben, was habe ich probiert, welchen Zustand hatte ich zu den Dingen. Wo ist der rote Faden, wann verliert man ihn. 


Manchmal denke ich, wovon ich kein Foto habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Löchrige Erinnerung. Und man weiß ja, das Hirn spinnt sich einen seltsamen Erinnerungsfaden zusammen, der sich jedesmal wieder ändert, sobald man die Erinnerung hervorholt. Zum Schluss weiß man gar nicht mehr, was war, was man geträumt hat und was einem erzählt wurde. Als Kind hatte ich dieses „Problem“. Ich habe alle Ebenen vermischt: Gedachtes, Erlebtes, Erzähltes, Geträumtes. Und man weiß ja, dass das Gehirn keinen Unterschied macht … (nur das sogenannte Bewusstsein denkt sich was aus). Na egal, so weit wollte ich gar nicht gehen.

In Zeiten wie diesen, wo sich (wieviele sind es mittlerweile?) die Leute eh Kurioses (siehe Verschwörungstheorien) ausdenken, weil es so kompliziert geworden ist, sich eine schöne Zukunft auszumalen, ist es vielleicht gar nicht schlecht, ab und zu mal einen Blick zurück zu werfen. Man kann so manche Perle auflesen. Und wenn man seine alten Mails (Dokumente, Briefe, Fotos) durchwühlt, wird man feststellen: „Hey, was ich alles gemacht habe!“ … Man vergisst zu schnell.

Links

Was anderes: Es gibt Videos, die haben 68 Millionen Klicks und ich weiß nichts davon: