Fundstücke

Wetter wird schlecht, daheim bleiben, aufräumen.
Ich bin immer noch am Sortieren, Löschen, Staunen.
Beispielsweise habe ich eine fünf Jahre alte mail gefunden, in der mich ein Freund (vom anderen Ende der Welt) nach meinen Kontaktdaten fragt – und diese mail habe ich jetzt beantwortet! Reaktion: prompte Antwort, endlich höre man was von mir … Was für eine Freundin bin ich eigentlich?

Hihi, das macht richtig Spaß! Weitere Jawlensky-ZiPi-Kopien. Alexej Jawlensky. 1864 (Torschok, Russland) bis 1941 (Wiesbaden, D). Das Bildnis des Tänzers (!) Alexander Sacharoff habt ihr ja schon gesehen (siehe 28.8.2020). Links ist das Portrait von Marianne Werefkin und rechts – tja, rechts – keine Ahnung, ob das überhaupt ein Jawlensky ist. Irgendwo habe ich das rausgeklaut und jetzt finde ich es nicht mehr. Weiß jemand, was das ist?
Dazu passt ein Zitat (aus meinem Kalender): „Klugheit ist Erkennen der Grenzen. Höchste Klugheit ist Erkennen der eigenen Grenzen.“ haha. Franz Carl Endres (1878-1954, Offizier, Historiker, Schriftsteller und Freimaurer).

Weiteres Fundstück: eine kleine Geschichte.

Tante Emile.

Ich hatte einmal eine Tante. Sie hieß Emile. Natürlich nicht richtig. In Wirklichkeit hieß sie Emilie. Aber jeder nannte sie Emile. Betonung auf dem E. Dieser Name ist heute völlig aus der Mode gekommen. Und Tante Emile ist auch schon lange tot. Sie war eine herzensgute Frau, rund und gemütlich, mit einem kleinen Oberlippenbart und einem flaumigen, liebenswürdigen Gesicht.

Als Kinder schreckten wir immer zurück, wenn Tante Emile uns küssen wollte. Und Tante Emile küsste gerne. Immer und überall. Wir drehten uns ein wenig zur Seite, um sie nicht ganz zu beleidigen. Aber im Grunde war es uns hochgradig unangenehm, die weiche, zart bewachsene Haut von Tante Emile zu berühren, den Pfirsichflaum. Mindestens 100 Kilo wog sie  – dachten wir.

Ich hatte ein besonderes Verhältnis zu Tante Emile. Denn alle in der Verwandtschaft (zumindest Mutter und Großmutter) sagten, ich würde Tante Emile wie aus dem Gesicht geschnitten sein – jedenfalls als Tante Emile klein war, habe sie genauso ausgesehen wie ich. Schöne dunkle Augen, schlank, hübsch. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, dass meine Tante Emile jemals schlank gewesen sein sollte – ja nicht einmal die Vorstellung, dass sie irgendwann einmal jung gewesen sein könnte, passte in meinen Kopf.

Aber es gab ein sichtbares Zeichen unserer Verwandtschaft und Ähnlichkeit: Ich hatte ihre Daumen geerbt. Das waren Daumen, die allgemeine Heiterkeit auslösten, sobald sie jemand näher betrachtete. Ja, ich konnte damit sogar eine Freundin aufheitern: „Zeig mir mal deinen Daumen, dann kann ich wieder lachen“. Diese Daumen sahen aus, als hätte man sie mit dem Hammer platt geklopft. Die Kuppe extrem breit, dafür der Rest sehr kurz. Sie erweckten den Eindruck, als fehlte ein Daumenglied. Und genau solche Daumen hatte Tante Emile.

Wenn Tante Emile als Kind so ausgesehen hat wie ich – sehe ich dann als Erwachsene so aus wie Tante Emile? Ich hatte fürchterliche Angst, so behaart und dick zu werden wie sie. Und außerdem wurde sie im Alter vergesslich, verwirrt und als Alzheimer-Patientin schließlich in ein Heim gebracht. Dort hat sie alle Bewohner freundlich abgebusselt, wie es eben ihre Art war.

Manchmal schaue ich auf meine Daumen und denke an die gute, alte Tante Emile. ENDE.

Diese Geschichte ist fast 20 Jahre alt.
Apropos … bei der Gelegenheit könnte ich die Bücher von Helena Morgen mal wieder ins Spiel bringen. Ist zwar gerade keine Reisezeit, aber vielleicht Lesezeit?

Weihnachts-Shopping ist momentan nicht so einfach. Da liegt der Hund schon mal im Detail begraben. Oder im Foto rechts. Wenn ein Ausländer nachschlagen möchte, was eine „Einfachgarnitur“ ist, würde mich interessieren, ob er rausfindet, wo sein Zug hält … Nächstes Hindernis: Bahnsteigmitte!

„Auch der Ozean besteht aus einzelnen Tropfen.“

William Butler Yeats. Selbst nachschauen!

Tipps

Empfehlung:

Sehr erhellendes Buch zum Thema Corona-Virus (ja, ja, ich weiß!, man hat keine Lust mehr darüber nachzudenken, geschweige denn was zu lesen, aber es lohnt sich!). Gut recherchiert, nicht ideologisch verbrämt, aufklärend – auf mehreren Ebenen. Was macht so ein Virus eigentlich (im Rahmen der Evolution)? Wie war das gleich mit dem Corona-Virus (Historie Wuhan, Ischgl). Was ist wo wie ansteckend, was weiß man mittlerweile über die Gefahren? Welche Maßnahmen machen Sinn, welche weniger …

Kurt Langbein, Elisabeth Tschachler: Das Virus in uns.
Motor der Evolution. Molden Verlag, 2020
Styria Buchverlage Wien-Graz

Was Schönes

Auch das gibt es. Was Schönes. Leider ist der Autor, Luis Sepúlveda, im April 2020 an/mit Covid 19 in Oviedo (Spanien) gestorben. Mit 70. Ich habe seine spannende Biographie und die emotionalen Nachrufe in der El País gelesen. Und ein kleines Büchlein, das ich empfehlen möchte.
Ich hab´s auf spanisch gelesen, man bekommt es aber auch in Deutsch. Wurde bereits in den 80ern geschrieben. „Der Alte, der Liebesromane las“.

Luis Sepúlveda: Un viejo que leía novelas de amor. colección andanzas, Tusquets Editores, 63. Ausgabe Mai 2004, © LS 1989; 

Beeilung!

Das dritte Buch, das ich vorstellen möchte, ist von dem bekannten Biographen (ich verkürze jetzt mal so) Jürgen Neffe (mein Liebling: Darwin!).
Jürgen Neffe. Das Ding. Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl.
EUROPAVerlag © 2020 Europa Verlag, Berlin
„Die nachfolgende Fiktion beruht auf wahren Begebenheiten und Begegnungen.“

Ein Roman um Donald Trump (auch sehr verkürzt). Ich kann nur hoffen, dass der Erfolg des Buches nicht vom Wahlausgang am 3. November 2020 abhängt. Wer will schon die Wiederwahl von Trump? Und die Frage ist, welcher Hahn kräht nach ihm, sollte er die Wahl verlieren … oder irre ich …

Erinnerungen.

Schwieriges Thema. Ich lösche gerade. Nein, nicht meine Vergangenheit aus meinem Gedächtnis (soweit bin ich noch nicht), sondern alte E-Mails. Im Strudel kommt man oft nicht dazu, die Mails gleich zu löschen. Und manchmal braucht man sie ja auch noch, um mal nachzusehen: habe ich die Datei geschickt, gibt´s die Adresse noch, wie war das gleich? Und schon bleiben sie einfach am Rechner stehen.

Aber nach zehn Jahren kann man davon ausgehen, dass sich die meisten Sachen erledigt haben. Also, ich habe beim Jahr 2005 angefangen. Ja. Richtig gelesen. 15 Jahre alte Mails. Und zwar die, die ICH geschrieben habe, nicht die, die ich bekommen habe (muss mal nachsehen, ob ich die schon gelöscht habe … haha). Und da ich ein großer Dokumentarist bin (leider!), bringe ich es nicht übers Herz, einfach „delete“ zu drücken – und alles ist weg. Ich beneide Menschen, die das können, ich kann es nicht. Ich schaue wirklich jedes Mail an.

Flohmarkt-Verkleidung
Flohmarkt vor zehn Jahren. Mit Verkleidung.

Natürlich kann man die meisten sofort löschen, man sieht: Terminbestätigung, Formales, Erledigtes. Aber es gibt manchmal auch  einen richtig interessanten Austausch per Mail. Früher hätte man Briefe gesammelt. Freunde, die man eben nicht ständig sieht (wie gute Freunde, die um einen herum sind), sondern solche, die weiter weg wohnen, die man selten besucht, die einem trotzdem ein Leben lang begleiten. Wenn man Glück hat.

Kommen und Gehen

Einige verliert man im Laufe der Zeit, einfach so, ein paar haben den Weg verlassen, können nicht mehr antworten. Manche starben plötzlich, andere quälten sich eine lange  Zeit. Im Nachhinein sehe ich, dass ich über Jahre hinweg „Trostmails“ an eine Freundin geschrieben habe, ironisch selbstverständlich, Aufmunterungsmails, Durchhalteparolen, Selbsthilfesprüche, Lösungsvorschläge, Einladungen, alles mögliche – und ihr Suizid traf mich trotzdem mit voller Wucht, unerwartet. Warum erkennen wir Zeichen erst hinterher?

Das Interessante ist, dass all meine „Sorgen“, die ich damals hatte, sich in Luft aufgelöst haben. Sprich: die Zeiten ändern sich. Und man sich (im besten Fall) mit. Vor zehn Jahren habe ich mit C. einen Flohmarkt gemacht (mit mäßigem Erfolg). War lustig. Siehe Foto. Da hatte ich noch braune Haare. Es kommt mir sooo weit weg vor! Zehn Jahre alte Gedanken lese ich da. Gedanken, die ICH gedacht habe. Manchmal kommen mir ein paar Lichtblicke unter. Da denke ich: gar nicht so blöd, ich kann eine/meine Linie erkennen. Was hat mich umgetrieben, was habe ich probiert, welchen Zustand hatte ich zu den Dingen. Wo ist der rote Faden, wann verliert man ihn. 


Manchmal denke ich, wovon ich kein Foto habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Löchrige Erinnerung. Und man weiß ja, das Hirn spinnt sich einen seltsamen Erinnerungsfaden zusammen, der sich jedesmal wieder ändert, sobald man die Erinnerung hervorholt. Zum Schluss weiß man gar nicht mehr, was war, was man geträumt hat und was einem erzählt wurde. Als Kind hatte ich dieses „Problem“. Ich habe alle Ebenen vermischt: Gedachtes, Erlebtes, Erzähltes, Geträumtes. Und man weiß ja, dass das Gehirn keinen Unterschied macht … (nur das sogenannte Bewusstsein denkt sich was aus). Na egal, so weit wollte ich gar nicht gehen.

In Zeiten wie diesen, wo sich (wieviele sind es mittlerweile?) die Leute eh Kurioses (siehe Verschwörungstheorien) ausdenken, weil es so kompliziert geworden ist, sich eine schöne Zukunft auszumalen, ist es vielleicht gar nicht schlecht, ab und zu mal einen Blick zurück zu werfen. Man kann so manche Perle auflesen. Und wenn man seine alten Mails (Dokumente, Briefe, Fotos) durchwühlt, wird man feststellen: „Hey, was ich alles gemacht habe!“ … Man vergisst zu schnell.

Links

Was anderes: Es gibt Videos, die haben 68 Millionen Klicks und ich weiß nichts davon:

Kontemplativ

Ich habe einen Mann gesehen, der stand vor einem Bild. Die Maske war unter die Nase gerutscht, dafür war sein Standpunkt korrekt. Dieser war genau in der Mitte vor dem Titelbild der Ausstellung in der Albertina. Vincent van Gogh. Es gab ein markiertes Viereck am Boden (Absicht?). Da stand er drauf. Exakt. Ich ging gerade in die Ausstellung, da stand er schon dort. Kerzengerade. Ich kam nach über einer Stunde wieder an die Stelle zurück, um auch einmal einen geraden Blick auf das Bild zu werfen. Da stand er immer noch da. Ich weiß nicht, wieviele Stunden er stand – oder noch steht? Es gab keine Bank zum Setzen. Es war der erste Saal, der sich lansgam füllte.

Ist das die neue Form des Kunstgenusses? Meditation? Verinnerlichung von … was? Ich sollte das auch einmal probieren (ich erinnere mich immer nur schemenhaft an das Gesehene)? Fotografisches Gedächtnis? Nein, dazu braucht man ja nicht so lange. Die Welt gibt immer neue Rätsel auf. Schön.

Ich habe schließlich das „Info“-Bild im Gang abgelichet. Man will schließlich nicht stören. Und auf der Postkarte waren die Farben viel zu blass.
Libelle. Noch einen Monat.
Manchmal auch auf den Spuren der Realität.

Erkenntnisse?

Hm, gab es neue Erkenntnisse?
Ja! Eine Made kann springen. Weit. Um ein Vielfaches ihrer Körperlänge. Selbst beobachtet. Sie zieht sich zusammen zu einem Halbkreis, Kopf und Hinterfüße (hat die Füße?) zusammen, und explodiert dann quasi. Sagen wir, sie misst 2 Millimeter (ja, diese blassen Maden, die in Schinken oder Käse gehen, vielleicht auch in den Salat?), springt aber mindestens 12 cm weit! Rekord. Ich kann nicht so weit springen. Also, 12 cm schon, aber … (wer hat´s ausgerechnet?)

Des Rätsels Lösung: Ich habe einen Bio-Salat gegessen. Ganz aufgegessen. Bis auf …

Zum blauen Reiter der grüne Hund

Aber eins nach dem anderen …
Tausendmal gesehen, DER BLAUE REITER, Bilder dieser Künstlergruppe (Kandinsky, Marc, Münter und so) im Lenbachhaus, München. Ich hatte noch eine Postkarte mit einem Werk von Alexej Jawlensky „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff, 1909“ (ja, ich hätte auch etwas anderes gedacht) … Und da habe ich mal eine lustige Übung begonnen. Das Ergebnis hier: links die Vorlage, rechts die Übung. Gebe zu: fehlt noch viiiieeel. War aber lustig, auf die Schnelle …

Ja, und da dachte ich mir, zu den Hundstagen und zum blauen Reiter passt doch ganz gut ein grüner Hund, oder? Den roten Hund hatten wir ja schon. Beim Ablichten musste ich feststellen, dass es einen wirklich gravierenden Unterschied macht, ob man das Bild mit der Kamera (Nikon) fotografiert oder mit dem Handy. Ich weiß nicht, wie diese Mobilgeräte eingestellt sind, aber da erscheinen auf dem Foto Dinge, die man nicht mal auf dem Original sehen kann … Oder war einfach nur das Wetter anders? Ich werde dranbleiben, an dem Thema.

Links Handy, rechts Kamera. Es ist wirklich das gleiche Bild. Nur dass links die Signatur noch fehlt, aber sonst nichts verändert (vielleicht das Licht). Ich bevorzuge die leicht gedämpfte Version. Vielleicht sieht man durch das Handy die Welt schriller?

„Der Optimist glaubt, diese Welt sei die beste aller möglichen. Und der Pessimist weiß, dass es so ist. „

Robert Oppenheimer

Sonst kann/will ich momentan zu anderweitigen gesellschaftlichen Entwicklungen nichts beitragen. Nur soviel: bleibt gesund!

Corona Dance

Las Coronas.
Im KunstRaum Feldkirchen ab 6.8. bis 6.9.2020.

Fotos und Skulpturen: C.Laudia.

KOLLEKTIVES BURN-OUT?

Komisch. Das Jahr 2020 fängt erst in der Mitte an. Das erste halbe Jahr hat Corona gestohlen. Oder was ist da passiert? Der Soziologe Hartmut Rosa meint in einem ZEIT-Interview (13.6.20), uns sei die soziale Energie ausgegangen. Ein gemeinschaftliches Burn-out also?

Dieses Virus hat viel bewegt. Homeoffice, Video-Konferenzen, einen digitalen Schub. Alles online. Eh schon gehabt. Und trotzdem ist alles anders. Die Zukunft ist plötzlich verschwunden. Die Pläne. Der Urlaub. Die Ziele. Alles gecancelt. Wie Flüge und Arzttermine. Ich weiß jetzt, dass ich im Vorkompostierungsstadium (wer hat das gesagt?) bin und „Risikogruppe“ (je nachdem, ab wann man zählt). Das hebt nicht gerade die Laune.

... besser den Rücken zukehren?
Besser den Rücken zukehren?

Während alle meine Freunde in der Corona-Zeit mit den Ausgangsbeschränkungen (gefühlt) hyperaktiv und superkreativ wurden, hatte ich Mühe, meinen Alltag zu gestalten. Der Tag hat mich gestaltet. Und: kaum hat er sich blicken lassen, war er schon wieder weg. Die Zeit läuft auch ohne mich – wohin, weiß ich nicht.

Ein alter Hund aus dem letzten Jahr:
Auf den Hund gekommen

Es geht ganz schnell, dass man auf den Hund kommt. Also, in Öl nicht so schnell. Und in unseren Breiten auch nicht … Aber wenn man auf dem falschen Kontinent geboren wird, dann sieht das anders aus …

In Uganda gibt es 23 Millionen Kinder, das sind 57% der Bevölkerung.
Jede Frau bekommt durchschnittlich fünf Kinder.
Drei von zehn Kindern unter fünf Jahren leiden an Mangelernährung und das Wachstum von zwei Millionen Kindern ist nicht in der Norm.
96% der Kinder sind in einer Grundschule eingeschrieben, aber nur 67% beenden diese. 25% machen eine weiterbildende Schule („secundaria“) fertig.

Man schätzt, dass ein Viertel der Kinder keine Geburtsurkunde (und damit auch keinen Pass) haben und nicht offiziell registriert sind. 54% haben kein Radio, 85% kein TV und 97% keinen Computer.

So. Aber bei uns haben die Hunde warme Jacken an. (Wieviele Hunde es in Uganda gibt, weiß ich nicht.)

Quelle: El País 17.11.2019. Bild: Zimmer-Pietz. Foto: Zimmer-Pietz.

 

DER KAKTUS MEINER MUTTER

Ein Versuch.

Er ist übersät mit Blüten. Riesige Kelche öffnen sich leuchtend rot. Ein Blütenmeer. Epiphyllum ackermannii. Der Kaktus meiner Mutter.

Es ist nicht einer, sondern eine ganze Familie. Sie stehen in Reih und Glied auf einer Backsteinmauer, die sich farblich vergeblich versucht anzugleichen mit Rostrot, Rostbraun, Ocker. Die Ausleger des Kaktus´ hängen ausladend über die Mauer, als wollten sie mit aller Macht das verdecken, was dahinter ist und einen Schutzwall bilden gegen das, was hier eindringen will.

Die Eindringlinge sind wir. Mein Bruder und ich.

Das Dahinter ist eine trostlose Wohnung, die man durch den abgegrenzten Hofteil erreicht, den man gutwillig Terrasse nennen könnte, wäre er nicht einfach nur der Hauseinang gewesen. Dennoch pflegte sich unsere Mutter dort auf dem Bänkchen zu sonnen und betrachtete ihre Pflanzen. Ihre Freude, für die sie bereit war eine hohe Wasserrechnung von ihrer kümmerlichen Rente zu zahlen.

Wenn sie ihren Blick hob, bot sich eine gänzlich andere Kulisse. Vor ihr erstreckte sich eine riesige Asphaltfläche. Grau, trist. Sie blickte auf abgestellte Autos, mehrere Garagen, Fahrräder, Mülltonnen. Wenn sie nach rechts sah, erhob sich ein Schild mit dem Namen des Ortes. Zur Orientierung der Reisenden, die hier Halt machten. Es war der Bahnhof. Lange nicht mehr als Bahnhof in Betrieb, ein altes Gebäude, schließlich renoviert, davor zwei Bahnsteige und die Gleise 1 und 2. Zwei Fahrkartenautomaten. Der Kiosk, etwas abseits, schenkte vor allem Bier aus. An die, die sonst nichts zu tun hatten.

Der Bahnhof lag auf einer befahrenen Süd-/Nord-Strecke, stündlicher Personennahverkehr, immerhin. Ansonsten passierten laufend Güterzüge, die offensichtlich nachts ihre Frequenz erhöhten. Das Haus meiner Mutter war alt, kaum isoliert, die Züge donnerten direkt durchs Wohnzimmer. Meine Mutter hörte schlecht und ihr Schlafzimmer lag auf der anderen Seite. Glück.

Für mich war Schlaf in dieser Wohnung nicht zu finden, die Züge fuhren gefühlt direkt durch mein Gehirn. Der häufigste Satz in einem Telefonat mit meiner Mutter war: „Es kommt ein Zug, ich kann gerade nichts hören.“ Die Telefonate mit meiner Mutter waren in der Regel kurz. Oft sehr kurz. Und sie beendete sie häufig abrupt, mitten im Gespräch, mit einem „na dann, wenn’s sonst nichts gibt, hören wir halt auf“ … Eingehängt.

Wenn ich an die letzte Wohnung meiner Mutter denke, höre ich ein kurzes Klingeln und dann ein metallisches Geräusch. Dieses Geräusch stellt sich vor allen visuellen Erinnerungen ein. Der Bahnhof war keine zwanzig Meter entfernt, das Haus direkt an der Hauptstraße des Dorfes gelegen und der Bahnübergang vor der Tür. Das Bimmeln warnte die Fußgänger und Autofahrer, bevor die Schranken niedergingen und das zwei- bis dreimalige Aufsetzen der Eisenträger, die die Schranken abfedern sollten, machte dieses spezifische „Klack“-Geräusch. Man war also gewarnt, wenn ein Zug kam. In einem kleinen Glashaus saß ein Bahnwärter, der die Schranken mit einer Kurbel bediente. Ihn musste man im Blick haben, wenn man schnell noch die Gleise überqueren wollte, ohne eingeschlossen oder vom Zug überrollt zu werden. Die Güterzüge in der Nacht schienen kein Ende zu nehmen. Takatakataka, das Rattern der Gleise und der Luftzug zwischen den Waggons. Später übernachtete ich im Hotel.  

Diesmal war es das letzte Mal, dass ich in diese Wohnung gehen sollte.

Unsere Mutter ist umgezogen. Ins Altersheim. Pardon, nicht Altersheim, in eine Seniorenresidenz. Wir, mein Bruder und ich, haben die Wohnung aufgelöst. Der Container stand vor der Tür.

Alles muss raus

Ich grübele und versuche mich zu erinnern, was aus den Kakteen geworden ist. Ich kann mich nicht erinnern. Haben wir sie stehen lassen? In den Müll-Container geworfen? Verschenkt? Ich weiß noch, dass wir den sogenannten Couchtisch mit den goldenen Kugeln, von denen unser Vater immer stolz dazusagte „echt vergoldet“ mit soundsoviel Karat, wenn er nicht gar den Preis nannte, in das Eisenmonster warfen. Es hat alles verschluckt, was noch in der Wohnung übrig war. Mit all dem Gold und den echten Schätzen, die für niemanden einen Wert besaßen. Oder vielleicht doch? Ich habe noch im Kopf, dass wir die Dinge, die leicht zu transportieren waren, Töpfe, Pfannen, Blumentöpfe, Lampen, Kleinmöbel nach vorne räumten. Falls das vielleicht doch noch jemand gebrauchen kann und sich dann über Nacht bedient. Wir ließen den Container offen.

Am Morgen dann die Überraschung: Der Container war bis zum oberen Rand mit alten Toiletten, Waschbecken und anderem schwergewichtigen Gerümpel angefüllt, das man nicht einfach so in den Hausmüll werfen kann. So ein Container wird per Gewicht bezahlt. Und zwar von uns! Danke.

Die Sachen meiner Mutter. Was haben sie wohl für sie bedeutet? Wissen wir das?  Sie, die ihre Heimat früh verlassen musste. Steckt Heimat in den Dingen? Das eine oder andere hat sie geliebt oder gehasst, gekauft oder geschenkt bekommen, hat sich aus irgendwelchen Gründen angesammelt, stand jahrelang an seinem Platz, wurde tausendmal abgestaubt, geklebt, ignoriert oder in der Vitrine zur Schau gestellt. Krimskrams, worauf man stolz war oder wofür man sich eher schämen musste. Möbel, die man sich abgespart oder abbezahlt hat. Ein Leben voller Erinnerungen, voller Bilder, Beziehungen, in zwei Tagen auf den Müll geworfen. Und mit einem alten Klo zugedeckt. Alles muss weg.

Bis auf eine Kleinigkeit. Ich habe einen Ableger vom Kaktus meiner Mutter mitgenommen. Auf die Insel. Die Insel des ewigen Frühlings (natürlich eine Tourismus-Lüge). Aber meine Mutter musste die Monster-Kakteen im Winter ins Haus (Keller) holen, das muss ich nicht. Ich habe dem Ableger einen schönen Platz in meinem Hof gegeben. Er macht – nichts. Jahrelang. Ich stellte ihn von hier nach da, überlege, wo es ihm wohl am besten gefallen könnte (nein, auf die Idee im Internet nachzusehen, welche Art Kaktus das ist und wo er herkommt, um die klimatischen Bedingungen zu eruieren, kam ich nicht). Es war einfach der Kaktus meiner Mutter. Und er wuchs keinen Millimeter. Von Blühen keine Spur. Irgendwann schaute ich das Pflänzchen näher an, widmete ihm erneut meine Aufmerksamkeit. Es hatte gar keine Stacheln mehr! Ich hatte vor kurzem ein durchgeknalltes Buch* aus den 70ern gelesen, ein paar offensichtlich zugekiffte Engländer fassten dort unglaubliche Pflanzenphänomene zusammen, u.a. erzählen sie eine Geschichte von einem Inder, bei dem alle Kakteen ihre Stacheln verloren, aus lauter Vertrauen. Keine Abwehr nötig. So interpretierte ich das Verhalten meines Ablegers. Aber ansonsten – nichts. Jahr für Jahr.

Bei mir führte der Kaktus meiner Mutter ein unscheinbares Dasein, vielleicht traurig, wehrlos und unauffällig. Die Katzen, die manchmal durch meinen Hof streunen, sehen das anders und nehmen Anstoß an diesem elenden Kaktus. Sie hassen ihn. Ich weiß nicht warum, aber egal, an welchen Platz ich den armen Ableger hinstellte, die Katzen warfen ihn mitsamt Blumentopf aus jeder Höhe herunter, egal wie gut ich ihn sicherte. Er schaute immer zerrupfter aus, einmal versuchte ich sogar die abgebrochenen Teile wieder anzukleben. Ohne Erfolg. Und dann stellte ich ihn irgendwann unerreichbar für die Katzen, eingepfercht zwischen andere Pflanzen, auf ein Regal und habe ihn vergessen. Beinahe.  Irgendwann … man ahnt, was kommt, entdecke ich eine Blüte. Und noch eine. Bislang waren es drei. Vom Blütenmeer sind wir noch meilenweit entfernt. So entfernt, wie meine Mutter von mir. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, bermerke ich, dass der Kaktus just aufblühte, als meine Mutter starb.

* Das geheime Leben der Pflanzen.

Peter Tompkins, Christopher Bird; Fischer TB © 1977,  Feb. 1990.
„Pflanzen als Lebewesen mit Charakter und Seele und ihre Reaktionen in den physischen und emotionalen Beziehungen zum Menschen“.  

Epiphyllum ackermannii

Wärmstens empfohlen!

leere Lokale?

Stefan Zweig. Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers.
Fischer TB, 42. Auflage April 2016;  493 Seiten

Wenn es ein Buch gibt, das mich in letzter Zeit nachhaltig beeindruckt hat, dann dieses. Es ist nicht nur exzellent geschrieben und liest sich wie ein Krimi, es ist auch sehr hellsichtig und hochaktuell. Wem Europa am Herzen liegt, sollte sich unbedingt diese Lektüre vornehmen.

Zitat: „Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere.“

und:

„Wir jauchzten in Wien, als Blériot den Ärmelkanal überflog, als wäre es ein Held unserer Heimat; aus Stolz auf die sich stündlich überjagenden Triumphe usnerer Technik, unserer Wissenschaft war zum erstenmal ein europäisches Gemeinschaftsgefühl, ein europäisches Nationalbewusstsein im Werden. Wie sinnlos, sagten wir uns, diese Grenzen, wenn sie jedes Flugzeug spielhaft leicht überschwingt, wie provinziell, wie künstlich diese Zollschranken und Grenzwächter, wie widersprechend dem Sinn unserer Zeit, der sichtlich Bindung und Weltbrüderschaft begehrt!“

oder:

„Wenn man heute ruhig überlegend sich fragt, warum Europa 1914 in den Krieg ging, findet man keinen einzigen Grund vernünftiger Art und nicht einmal einen Anlass.“

noch mehr:

„Denn dies unterschied den Ersten Weltkrieg wohltätig vom Zweiten: das Wort hatte damals noch Gewalt. Es war noch nicht  zu Tode geritten von der organisierten Lüge, der „Propaganda“, die Menschen hörten noch auf das geschriebene Wort, sie warteten darauf. Während 1939 keine einzige Kundgebung eines Dichters weder im Guten noch im Bösen auch nur die mindeste Wirkung zeitigte, während bis heute kein einziges Buch, keine Broschüre, kein Aufsatz, kein Gedicht innerlich die Massen berührte oder gar in ihrem Denken beeinflusste, vermochte 1914 ein vierzehnzeiliges Gedicht wie jeder „Hassgesang“ Lissauers, eine Manifestation wie jene törichte der „93 deutschen Intellektuellen“, und andererseits wieder ein Aufsatz von acht Seiten wie Rollands „Au-dessus de la melée“, ein Roman wie Barbusses „Leu Feu“ Ereignis zu werden. Das moralische Weltgewissen war eben noch nicht so übermüdet und ausgelaugt wie heute, es reagierte vehement auf jede offenbare Lüge, auf jede Verletzung des Völkerrechts und der Humanität mit der ganzen Kraft jahrhundertealter Überzeugung. Ein Rechtsbruch wie der Einmarsch Deutschlands in das neutrale Belgien, der heute, seit Hitler die Lüge zur Selbstverständlichkeit und die Antihumanität zum Gesetz erhoben, kaum mehr ernstlich getadelt würde, konnte damals noch die Welt von einem bis zum anderen Ende erregen.“

Und das schreibt ein Mann, der den Beginn beider Weltkriege miterlebt hat und am 22.2.1942 im Exil in Brasilien Selbstmord verübt hat.